Gedanken: besser ohne dich

An meine ehemals beste Freundin,

wir haben seit gut 15 Monaten kein Wort mehr miteinander gesprochen. Den letzten schriftlichen Kontakt hatten wir vor 13 Monaten. Auch, wenn ich die Reißleine gezogen habe und es mir ohne dich besser geht, fehlst du mir manchmal. Oder besser gesagt – mir fehlt die Frau, die du früher warst. Diese coole und starke Frau. Die Frau vor der Krankheit. Die Frau, die sich nicht nur über die Krankheit definiert hat und sich extra so gekleidet hat, dass auf jeden Fall die Narben zu sehen waren. Die Frau, die auch mal für mich da war. Die Frau, die nicht nur genommen hat, sondern auch mal etwas gegeben hat. Die Frau, die meine beste Freundin war. Diese Frau fehlt mir unheimlich.

Ja, es war furchtbar unfair, dass du mit Anfang 20 mehrere Schlaganfälle durchmachen musstest und im Zuge dessen ein neues Herz transplantiert bekamst. Aber es gibt so viele Menschen, die ähnliches oder schlimmeres durchgemacht haben und die ihr Leben danach wieder in den Griff bekommen haben. Ich habe mir zu viel Verantwortung aufgebürdet. Das Verhältnis unserer Freundschaft ist in ein Ungleichgewicht geraten. Plötzlich sollte, musste ich für dich sorgen. Wenn ich es nicht tat, hast du mich darauf hingewiesen wie schlecht es dir geht. Emotionaler Druck funktioniert bei mir  und das wusstest du. Als du anfingst meine frische Beziehung zu torpedieren, schaffte ich es den Schlussstrich zu ziehen. So viele wilde Behauptungen über die du dann nicht mit mir sprechen wolltest waren zu viel. Ich ging. Zog mit ihm zusammen.

Ich habe dich gehasst als du dich geweigert hast mich aus dem Mietvertrag zu lassen. Als ich den Anwalt einschalten musste, aber du hattest mir ja bereits viel Spaß bei der Klage gewünscht als ich dir mitteilte, dass ich nicht mehr kann und weg will. Weg muss. Wahrscheinlich hast du gehofft, dass ich es mir anders überlege. Du hattest ja ein bequemes Leben auf meine Kosten.

Es war ein langes halbes Jahr bis die Mitteilung vom Anwalt kam, dass die Sache geklärt sei. Ich war enttäuscht als die Vermieterin mich anrief, dass in meinem alten Zimmer noch Sachen von mir stünden und ich dann an meinem 30. Geburtstag deinen Müll entsorgt habe. Es zeigte mir aber, dass ich richtig gehandelt habe.

Mein Leben ist besser ohne dich. Ich lebe wieder mein Leben. Ich bereue nicht, dass ich damals das Leben rettete. Aber ich bereue, dass ich mir zu viel Verantwortung aufgebürdet habe. Ich habe dich über mich gestellt und wäre daran fast zerbrochen.

Dennoch vermisse ich dich immer, wenn ich irgendetwas sehe, dass mich an die Zeit vor der Krankheit erinnere. An die guten Zeiten. An die Konzerte auf denen wir waren. Die Geheimnisse, die wir geteilt haben.

Aber ich möchte dir danken, dass ich durch das alles gelernt habe wieder aufzustehen. Zu kämpfen und nicht aufzugeben. Ich habe erst für dich gekämpft und später um mich.

Ich hoffe, du wirst glücklich und erkennst dich irgendwann selbst wieder. Du bist mehr als die Frau mit der Herztransplantation.

Advertisements

Über Janina.schreibt

Träumerin. Überlebenskünstler. Workakrobatin.
Dieser Beitrag wurde unter Gedanken abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s